Es ist wieder diese Zeit im Jahr. Bunte Kostüme, laute Musik und fliegende Kamelle. Doch mitten in diesem Chaos stehen Wesen, deren gesamte Biologie „Flucht" schreit: unsere Pferde. Während ich heute selbst das Tempo drosseln muss, wird mir klarer denn je: Der Einsatz von Pferden im Karneval ist ein Paradebeispiel für den Systemkollaps in unserer Beziehung zum Tier – ein Thema, das mich auch in der Arbeit an meinem aktuellen Buch intensiv begleitet.
Das Pferd als „Deko-Objekt"?
Wir schmücken sie, setzen uns in historischen Uniformen oben drauf und erwarten, dass sie stundenlang in einer Geräuschkulisse funktionieren, die selbst für viele Menschen Stress bedeutet. Doch ein Pferd ist kein Statist in einem Theaterstück. Es bleibt ein Fluchttier. Die Vorfälle der letzten Jahre – zusammenbrechende Kutschpferde in Köln oder panische Tiere in Bonn – sind keine „tragischen Einzelfälle". Sie sind die logische Konsequenz, wenn wir die Reaktion des Pferdes ignorieren und seine Biologie unseren Wünschen unterordnen.
Besonders eindrucksvoll dokumentiert dies das Netzwerk für Tiere Köln. Was heute eine starke Gemeinschaft für den Tierschutz ist, begann ganz klein: mit dem Mut einer einzelnen Frau, die sich entschlossen mit einem Schild allein an den Zugweg stellte, um auf das Leid der Pferde aufmerksam zu machen. Aus diesem stillen, aber beharrlichen Protest ist eine Organisation gewachsen, die heute fachlich fundiert die Missstände im Brauchtum offenlegt.
🔗 Netzwerk für Tiere Köln
Funktionieren vs. Wohlbefinden: Die Frage nach dem „Warum"
Um ein Pferd in diese unnatürliche Kulisse zu bringen, wäre eine enorme Vorbereitung nötig. Doch anstatt nur auf die Technik zu schauen, müssen wir uns eine viel grundlegendere Frage stellen: Wem dient dieses Training eigentlich?
Selbst wenn es mit handwerklich sauberen Methoden theoretisch möglich wäre, ein Pferd so vorzubereiten, dass es in der Karnevalskulisse wirklich entspannt bleibt – die Realität sieht anders aus. Eine solche fachlich fundierte Ausbildung erfordert Monate, wenn nicht Jahre an geduldiger Vorbereitung durch echte Experten. Doch wer bezahlt diesen Aufwand? Die Wahrheit ist: Niemand. Zumindest nicht für Pferde, die in einem Karnevalsumzug mitlaufen.
Kalkuliertes Risiko statt echte Ausbildung
Und genau hier liegt die Gefahr. Weil dieses langwierige, fachliche Training oft fehlt, sehen wir Pferde, die von mehreren Menschen mühsam festgehalten werden müssen, die in Panik geraten oder bei denen der Verdacht der Sedierung im Raum steht, um sie irgendwie „ruhig" durch den Zug zu bringen.
Wenn wir Pferde ohne diese tiefgreifende Ausbildung in solche Extremsituationen werfen, ist das kein Brauchtum, sondern ein kalkuliertes Risiko auf dem Rücken der Tiere. Es dient nicht dem Pferd und seiner Entwicklung. Es dient ausschließlich den egoistischen Interessen des Menschen, der das Tier als Kulisse missbraucht, während er die fachliche Verantwortung für dessen Sicherheit und Wohlbefinden ignoriert.
Tradition ist kein Freibrief für Tierleid
Oft höre ich das Argument: „Das ist doch Tradition, das war schon immer so." Aber wir müssen uns im Sinne der Social License to Operate und des Tierschutzes fragen: Hat eine Tradition Bestand, wenn sie auf der Angst eines Lebewesens basiert? Über allem muss die eine Frage stehen:
Dient es dem Wohl des Pferdes?
Ein Umzug, bei dem Knallkörper, schreiende Menschenmengen und enge Gassen den Rahmen bilden, kann dem Wohl des Pferdes niemals dienen.
Den Rahmen neu definieren
Wahre Partnerschaft bedeutet, dem Pferd Sicherheit zu geben. Doch Sicherheit entsteht durch Vertrauen und den Schutz vor Überforderung – nicht dadurch, dass wir es einer Situation aussetzen, in der sein Instinkt keine andere Wahl als die Flucht lässt. Wenn wir als Reitergesellschaft ernst genommen werden wollen, müssen wir den Mut haben, uns von veralteten Bildern zu verabschieden. Wir brauchen keinen Karneval zu Pferd, um unsere Liebe zu diesen Tieren zu zeigen. Wir brauchen Empathie und den Mut, das System Gewalt endlich zu beenden.
Regina Rheinwald
https://www.regina-rheinwald-das-pferde-atelier-fuer-wort-und-bild.com/