Das Pferd Vayron schreibt Ingrid Klimke einen Brief
Betr: Deine Stellungnahme zu den Ritten mit mir, Vayron, in Lier/Belgien 2026
Hallo Ingrid,
ich bin also dein „Hasenherz“.
Du sagst, du hättest in Lier/Belgien keine Anlehnung zu mir gefunden.
Ich sage dir, dass es diese Anlehnung nie gegeben hat. Es gibt nur eine Richtung, in der wirkliche Anlehnung funktionieren kann: Ich such die Anlehnung zu dir. Ich aber spüre nur harte Hände und Schmerz in meinem Mund. Und ja, ich weiß, dass ihr meinen Mund Maul nennt, und das hat Gründe…
Du sagst, du warst traurig und enttäuscht. Warum sagst du das? Weil ich dir leidtat oder weil du keinen Erfolg mit mir verbuchen konntest?
Du sagst, ich hätte mich an den Tagen zuvor wohl gefühlt und wäre zufrieden gewesen.
Ich sage dir, dass das nicht stimmt, dass du es nur nicht merkst, wenn es mir nicht gut geht.
Du sagst, am Tag vorher sei der Ritt gut gewesen und zum Anfang der Prüfung am 1.3.2026 auch.
Ich sage dir, dass das nicht stimmt. Am Tag vorher konnte ich mich nur noch minimal besser retten, konnte noch ein bisschen besser ausgleichen, was du und die, die mich vorher trainiert haben, mir angetan haben und immer noch tun.
Du sagst, ich würde voller Überraschungen und Herausforderungen stecken.
Ich sage dir, dass das nicht stimmt. Du siehst nur einfach nicht, dass ich nicht mehr weiter weiß! Du tust mir weh! Ich schleudere in der Piaffe herum, mache irgendetwas, was ungefähr deinem Wunsch entspricht, um der Strafe zu entgehen, die folgen würde, , würde ich sie verweigern, weil ich sie einfach nicht ausführen kann!
Das ist eine Herausforderung! Du bist die Herausforderung!
Mein Rücken tut mir weh! Ich versuche ihn wegzudrücken, um dem Schmerz zu entgehen, aber du merkst es nicht.
Das ist eine Herausforderung! Du bist eine Herausforderung!
Mir fehlt die Kraft, aber du merkst es nicht!
Das ist eine Überraschung! Du bist die Überraschung!
Ich bin keine Herausforderung und ich bin keine Überraschung! Ich bin ein Pferd! Ich benötige eine Ausbildung, die mich in die Lage versetzt, deine Wünsche umzusetzen, ohne dass ich Angst, Stress und/oder Schmerz verspüre!
Deine Antwort aber sind Sporenstiche! Deine Antwort ist die Kandare im Anschlag! Deine Antwort ist Gewalt und Schmerz!
Du sagst, du würdest gern mit mir sprechen und merkst nicht, dass ich bereits ständig mit dir spreche! Aber du hörst mir nicht zu! Du merkst nicht einmal, dass ich dir schon lange etwas mitteile!
- Was glaubst du, was ich dir sagen will, wenn ich verzweifelt versuche, meinen Mund zu öffnen?
- Was glaubst du, was ich dir sagen will, wenn ich peitschenartig mit dem Schweif schlage?
- Was glaubst du, was ich dir sagen will, wenn ich den Rücken wegdrücke?
- Was glaubst du, was ich dir sagen will, wenn sich meine Muskeln über den Augen verkrampfen?
- Was glaubst du, was ich dir sagen will, wenn sich die Muskeln rund um meinen Mund und die Nüstern verkrampfen?
- Was glaubst du, was ich dir sagen will, wenn sich meine Augen panikartig weit öffnen?
- Was glaubst du, was ich sage, wenn ich dir nichts mehr erzähle?
Deshalb nenne mich nicht Hasenherz! Ich bin im Gegenteil ein starkes Pferd, dass trotz allem, was ihr mir antut, immer noch irgendwie funktioniere und versuche, eure Wünsche umzusetzen!
Ingrid! Gehe den neuen Weg! Folge dem neuen Weg! Hier ist der Link!
Vayron
Info Box:
- Das „Pain Face" (Schmerzgesicht): In der Ethologie ist das Zusammenziehen der Muskulatur oberhalb der Nüstern („Angstfalten") und das panikartige Weiten der Augen (Sichtbarwerden des Augenweiß) ein klinisch anerkannter Indikator für Schmerz und hohen Stress. Es ist keine „Konzentration", sondern eine Stressreaktion des autonomen Nervensystems.
- Muskuläre Hypertonie: Die Verkrampfung der Maulpartie deutet auf eine Blockade des Zungenbeins (Os hyoideum) hin. Da dieses über Muskelketten direkt mit dem Brustbein und den Vorderbeinen verbunden ist, führt ein festes Maul unweigerlich zu einer schmerzhaften Spannung im gesamten Bewegungsapparat.
- Resignation & Erlernte Hilflosigkeit: Wenn ein Pferd „nichts mehr erzählt" (Apathie), beschreibt dies den psychologischen Zustand der Learned Helplessness. Das Tier stellt die Kommunikation ein, weil seine Signale (Abwehr, Angst) ignoriert wurden. Das „Funktionieren" ist dann kein Ausdruck von Kooperation, sondern ein biologischer Überlebensmodus.
- Nociception vs. Gehorsam: Ein Pferd kann trotz massiver Schmerzreize (Nociception) weiterhin Lektionen ausführen. Dies ist eine evolutionäre Strategie als Fluchttier, um Schwäche zu verbergen – im Sport wird dies oft fälschlicherweise als „Leistungsbereitschaft" deklariert.
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Kommentare
Ingrid, dein Pferd schreit und hat das sprechen bereits aufgegeben.
😔