Was die aktuellen Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz mit der Gewalt gegen das Pferd im Reitsport zu tun haben. Die Analyse einer Parallele.

Veröffentlicht am 3. Juli 2026 um 13:33

Die ökonomische Leistungsfähigkeit - sie lebe hoch!

Manchmal blickt man in die Abendnachrichten und sieht die Blaupause für genau das System, das man seit Jahren zu Hause im Reitsport kritisiert. Jüngstes Beispiel: Die Begründung der neuen Gesetzgebung zur Krankschreibung durch Bundeskanzler Friedrich Merz. Die telefonische Krankschreibung fällt, das Attest ab Tag eins kommt. Die Begründung dafür entlarvt eine Denkart, die eins zu eins die patriarchalen und rein funktionellen Strukturen widerspiegelt, die auch das System Gewalt gegen das Pferd am Leben erhalten.

Es sind exakt drei Kernmechanismen, die die politische Debatte mit dem Leid in unseren Reitbahnen verknüpfen:

1. Das Individuum als reiner Produktionsfaktor

Merz begründet die Verschärfungen explizit mit „exorbitant gewachsenen Krankenständen" und deklariert diese als wirtschaftlichen „Wettbewerbsnachteil". Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: Die ökonomische Leistungsfähigkeit steht über dem tatsächlichen Befinden des Individuums.

Generalverdacht statt Ursachenforschung!

Genau diese Haltung dominiert den traditionellen Pferdesport. Das Pferd wird im System allzu oft nicht als fühlender Partner, sondern als Sportgerät und Leistungsträger betrachtet. Es hat zu funktionieren.

Schmerzsignale, Erschöpfung oder biomechanische Überlastung werden weggedrückt oder als

Ungehorsam"
Widersetzlichkeit"
"Faulheit"

uminterpretiert, weil der Trainingsplan, das nächste Turnier oder der wirtschaftliche Erfolg keine Pausen vorsehen.

2. Generalverdacht statt Ursachenforschung

Hinter der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung steht der implizite Generalverdacht des Missbrauchs – eine pauschale Misstrauenskultur, obwohl Krankenkassen und Studien keinen systematischen Missbrauch belegen. Statt die tieferen Ursachen für hohe Krankenstände anzugehen – wie chronische Überlastung, schlechtes Arbeitsklima oder psychischen Druck –, wählt die Führung den Weg des Kontrolldrucks und der härteren Strafen.

 

Diese Symptombekämpfung mittels Zwang ist der Standard im System des Reitsports.

Wenn ein Pferd unter dem Reiter nicht funktioniert, wird selten nach den biomechanischen Ursachen, passendem Sattelzeug oder mentaler Überforderung gefragt. Stattdessen greift man zu schärferen Zäumungen, Hilfszügeln oder erzwungener Unterwerfung. Symptome werden weggedrückt, anstatt die Ursache im System zu beheben. Wer nicht spurt, steht unter dem Generalverdacht der Faulheit oder Bösartigkeit.

3. Die Arroganz der Funktionäre gegen die Wissenschaft

Die politische Entscheidung zur Verschärfung der Krankschreibung wird von oben durchgedrückt – ungeachtet der massiven Warnungen von Hausärzten und medizinischen Verbänden, die vor einer absurden Bürokratiewelle und der völligen Überlastung der Praxen warnen. Fachlicher Sachverstand aus der Praxis wird politischem Kalkül geopfert.

Diese Ignoranz ist der Gipfel der Arroganz, den wir im Pferdesport täglich erleben. Funktionäre und Verbände ignorieren beharrlich die erdrückenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Biomechanik, zum Schmerzempfinden und zum Tierwohl. Anstatt die Richtlinien und das Richten grundlegend an die Wissenschaft anzupassen, verharren die Entscheider in alten Mustern, um den Status quo und ihre eigenen Machtstrukturen zu sichern. Das Nachsehen haben diejenigen, die keine Stimme haben.

Vom Systemfehler zur wirklichen Partnerschaft

Wenn Kontrolldruck, das Ignorieren von Wissenschaft und die reine Ausbeutung der Arbeitskraft die Basis eines Systems bilden, führt das unweigerlich in eine Sackgasse. Genau diese Parallelen zeigen, dass wir es im Reitsport nicht mit Einzelfällen zu tun haben, sondern mit einem strukturellen Problem.

Genau hier setzt die Analyse an, die in dem Buch „Systemkollaps – Vom System Gewalt gegen das Pferd im Reitsport zur wirklichen Partnerschaft" ausführlich dargelegt ist. Es geht darum, diese tief verwurzelten, oft unbewussten Kontrollmechanismen radikal zu hinterfragen.

Erst wenn die Reaktionen des Pferdes wirklich verstanden und wahrgenommen werden, wenn wir verstehen, wie wir manipuliert werden, bricht die patriarchale Logik des reinen Funktionierens auf.

Das eigentliche Urteil der Gesellschaft

Was Friedrich Merz und die Funktionäre des Pferdesports verbindet, ist der feste Glaube, dass man Systeme durch Druck, Kontrolle und das Ignorieren von Bedürfnissen stabilhalten kann. Doch genau hier bricht das Fundament weg. Die Gesellschaft schaut heute genauer hin, sei es beim Umgang mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, oder beim Umgang mit Tieren. Die *Social License to Operate*,  die gesellschaftliche Akzeptanz, schwindet für Systeme, die auf Ausbeutung und Ignoranz basieren.

Es ist Zeit, diese Denkmuster zu durchbrechen. Für den Menschen – und erst recht für das Pferd.

 

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Regina Rheinwald

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